Erster Teil · Das Leben
I
Wien Ein Enkel der Industrie, 1949–1967
Niki Laudas Kindheit in Wien: eine Industriellenfamilie, ein Großvater, der vom Rennsport nichts hören wollte, eine fragliche Matura und die ersten alten Autos.
Ich bin nicht mit sehr viel Wärme aufgewachsen. Meine Mutter war beinhart. Diese kühle Frau hat in Wirklichkeit mein Wesen geprägt.
I · Wien
Wenn es geschneit hatte, meldete sich der Junge um fünf Uhr morgens im Werk seines Großvaters und fuhr den Schneepflug. Ein paar Stunden lang, bis die Fabrik öffnete, räumte er die Fahrwege. Die Arbeiter ließen ihn, wie er erzählte, weil er der Enkel des Besitzers war. Ein paar Jahre später wollte er die Lastwagen, die großen mit den langen Anhängern, und man sagte ihm, er solle um vier kommen, eine halbe Stunde bevor sie losfuhren. Fahren durfte er sie nur im Dunkeln, wenn die Polizei ihn nicht sehen würde: „Sobald die Sonne aufging, musste ich zur Seite rücken und den offiziellen Fahrer übernehmen lassen.“ Da war er 16 oder 17.
Diese Kindheit wählte Niki Lauda, als er 2017 beim Frühstück im Café Imperial in Wien davon erzählte: nicht die Villa oder den Familiennamen, sondern die Maschinen, im Dunkeln, bevor der Arbeitstag begann.
Andreas Nikolaus Lauda wurde am 22. Februar 1949 in Wien geboren, in eine der bekanntesten Industriellenfamilien Österreichs; „Niki“ ist die Kurzform von Nikolaus. Sein Urgroßvater Ernst Lauda, Ingenieur und Sektionschef, also hoher Beamter, im kaiserlichen Ministerium für öffentliche Arbeiten, war am 28. Mai 1916 von Kaiser Franz Joseph als Ernst Ritter von Lauda in den Ritterstand erhoben worden. Österreich schaffte 1919 die Adelstitel ab, und mit ihnen entfiel das „von“.
Der Großvater
Oberhaupt der Familie war sein Großvater Hans Lauda, 1896 in Wien geboren. Er besuchte das Theresianum, diente im Ersten Weltkrieg als Offizier an der Front und wurde 1919 an der Universität Wien zum Doktor der Rechte promoviert. 1923 trat er in die Veitscher Magnesitwerke ein und wurde 1937 ihr Generaldirektor. 1938, nach dem Anschluss, abgesetzt, wurde er 1945 wieder eingesetzt und leitete das Unternehmen bis 1963.
Sein Einfluss reichte weit über ein Unternehmen hinaus. Er war Mitbegründer der Vereinigung Österreichischer Industrieller und führte sie von 1946 bis 1960 als ihr erster Präsident. Von 1956 bis zu seinem Tod war er Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes. Er saß in vielen Aufsichtsräten, darunter in dem der Erste Österreichische Spar-Casse, der Sparkasse, die für seinen Enkel eines Tages sehr viel bedeuten sollte.
Er bewohnte am Schubertring eine Wohnung mit 20 Zimmern, mit einem livrierten Diener. Sein älterer Bruder, ebenfalls Ernst genannt, war Arzt, leitete ab 1946 die Erste Medizinische Universitätsklinik in Wien und schrieb ein dreibändiges Lehrbuch der inneren Medizin. Was der Enkel vom Großvater hielt, kam später zutage: Eine Familiengeschichte von 2009 berichtet, er habe als zweifacher Weltmeister seinen verstorbenen Großvater in einem Interview mit Newsweek mit den Worten „aufgeblasener Mistkerl“ (zugeschrieben) bedacht, doch das Interview selbst ist nicht aufgefunden worden.
Mir gefiel das Sichtbare an ihm, die grandiose Stadtwohnung mit livriertem Diener, das riesige Bauerngut in Niederösterreich, der phantastische Besitz in St. Moritz.
Sein Vater, Ernst-Peter Lauda, war leitender Manager der 1793 gegründeten Papierfabrik Neusiedler: zunächst ihr Prokurist, später ihr Generaldirektor. Seine Mutter Elisabeth war eine geborene von Linhart, die mittlere von drei Töchtern des Dr. Emil von Linhart, der dieselbe Fabrik nach dem Ersten Weltkrieg geleitet hatte. Die beiden hatten sich dort kennengelernt. Englische Nachrufe sollten die Laudas eine Papierfamilie nennen, und für die Seite des Vaters traf das zu; die Macht des Großvaters gründete auf Magnesit und auf der Industriellenvereinigung.
Die Familie lebte in einer Villa mit Park in Pötzleinsdorf, am nordwestlichen Rand Wiens, und besaß Grund in Niederösterreich. Nikis jüngerer Bruder Florian sollte ihm 1997 eine Niere spenden; ansonsten ist er ein Privatmann geblieben.
I · Wien
Ein kühles Haus
Lauda erinnerte sich an eine förmliche und kühle Erziehung. Er musste Reitstunden nehmen, wie es Jungen seines Standes taten.
Es war logisch und völlig unausweichlich, dass ich reiten lernen musste, obwohl mich alles daran angewidert hat. Jedes Mal, wenn ich in die Reitschule kam, widerte mich schon der Geruch an.
Geprägt habe ihn seine Mutter, sagte er mit Worten, die die Familiengeschichte von 2009 zitiert; Florian erinnerte sich im selben Buch wärmer an dieselbe Kindheit.
Schon als Kind schwieg er nicht. Mit etwa 12 Jahren schrieb er seinem Großvater, um dagegen zu protestieren, dass der alte Mann, der über die Sozialisten wetterte, von ihnen einen Orden angenommen hatte. Hans Lauda antwortete, indem er den Brief bei einem großen Familientreffen laut vorlas, als Beweis dafür, dass die Eltern des Jungen bei seiner Erziehung versagt hätten.
Der Großvater war selbst nicht ohne Schwäche. Florian erinnerte sich, dass sein Großvater bei aller Ablehnung des Rennsports die Formel 1 verfolgte, zu Grands Prix an den Nürburgring und einmal nach Monte Carlo fuhr und, als man ihn bei einem Firmenjubiläum fragte, was er sich als Geschenk wünsche, einen Ferrari andeutete. Er bekam stattdessen die zwölf Apostel als Schnitzfiguren.
I · Wien
Die Schule und ein Zeugnis
Im Gymnasium war er ein schlechter Schüler. Er wiederholte die dritte und die fünfte Klasse und ging mit etwa 18 ab. Er begann eine Mechanikerlehre; wo er sie machte und ob er sie abschloss, klären die Quellen nicht. Dann ging er an eine private Maturaschule, die auf die Matura vorbereitete, die Reifeprüfung, die den Weg an die Universität öffnet.
Sein Großvater versprach ihm ein kleines Auto, wenn er dort seine Englischprüfung bestehe. Als der Junge in der Wohnung am Schubertring vorsprach, um ihn daran zu erinnern, nannte Hans Lauda ihn einen Frechling. Sein Vater sagte ihm, er solle es sich nicht zu Herzen nehmen: Auch ihm sei immer ein Pferd versprochen worden, und er habe nie eines bekommen. Laut Daniel Michel, der die Geschichten 2019 sammelte, bestand Niki tatsächlich eine Englisch-Zwischenprüfung, und die Familie war kurz entzückt.
Ob er die Matura selbst je bestand, ist nicht geklärt. Das Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien und das Austria-Forum sagen beide, er habe sie an der Maturaschule abgelegt. Lauda erzählte eine andere Geschichte, 2012 dem ZEITmagazin und 2015 noch einmal in seinem Gesprächsbuch mit Conny Bischofberger, Reden wir über Geld. Eine Mitschülerin lieh ihm ihr Zeugnis und ließ es sich als verloren ersetzen; eine andere Mitschülerin radierte ihren Namen aus und schrieb „Andreas N. Lauda“ hinein. Er zeigte es seinen Eltern und zerriss es dann.1
Ich habe es ihnen nur aus der Ferne gezeigt, weil man oben klar erkennen konnte, dass der Name des wirklichen Besitzers mit Tintentod weggemacht worden war. … Meiner Mutter habe ich das erst Jahre später gebeichtet, da war ich allerdings schon erfolgreich.
Er nahm es, nach Michels Darstellung des Buches von 2015, nicht weiter wichtig: ein Zeugnis für den Hausgebrauch. Die Nachschlagewerke und seine eigene Geschichte können nicht beide recht haben, und seine eigene Geschichte ist die, die er mehr als einmal erzählte.
I · Wien
Die ersten Maschinen
Zuerst kamen die Traktoren. Etwa ab 12 durfte er sie im Werk seines Großvaters fahren, dann den Schneepflug und die Lastwagen. Mit etwa 15 kaufte er sich ein eigenes Auto: ein altes VW-Cabrio, ein Wrack, für fast nichts in Wien gekauft. Nach eigener Darstellung brachte er es zum Anwesen seines Großvaters und baute eine Rampe, um zu sehen, wie weit es springen würde. Nach ein paar Versuchen kamen die Stoßdämpfer oben durch ihre Halterungen, und damit war es vorbei. Eine andere Darstellung verlegt die Rampe auf das Grundstück seiner Eltern; das Alter und das Baujahr des Wagens wechseln von Erzählung zu Erzählung. Der Guardian schreibt in seinem Nachruf, er habe seine ersten Autos mit Geld seiner Mutter und seiner Großmütter gekauft.
Dann gab es einen Onkel, der Kart fuhr und der feststellte, dass er seinem Neffen einen neuen Motor anvertrauen konnte.
Ich habe Rennen im Fernsehen geschaut, und einer meiner Onkel fuhr ein bisschen Kart. Immer wenn er ein neues Chassis kaufte, nahm er mich mit und bat mich, es einzufahren – ich musste nur mit konstant 3.000 U/min herumfahren, nicht mehr und nicht weniger, und ich glaube, es beeindruckte ihn, dass ich tat, was man mir sagte. Er nahm mich auch zum Nürburgring mit, zum Großen Preis von Deutschland.
Eine Familiengeschichte von 2009 nennt einen Onkel, Heinz Lauda, den Bruder seines Vaters, der ebenfalls Generaldirektor der Veitscher war und Amateurrennfahrer. Es mag derselbe Mann sein; die Quellen beweisen es nicht. Heinz’ Sohn Max erinnerte sich, dass Niki ohne Wissen seiner Eltern auf den alten Flugfeldern von Kottingbrunn und Aspern die Motoren seines Vaters einfuhr, und meinte, so habe sich sein Cousin mit dem Rennfieber angesteckt und vielleicht auch mit dem Fliegen. Max und ein weiterer Cousin, Thomas, fuhren selbst Kart und Nachwuchsformeln.
Der Onkel nahm ihn 1966 auch zum Großen Preis von Deutschland an den Nürburgring mit, einem Regenrennen, in dem der Österreicher Jochen Rindt in einem Cooper–Maserati 3. wurde. Dort wurde Lauda Kurt Bergmann vorgestellt, der die Kaimann-Wagen der Formel V baute. Drei Jahre später sollte er selbst einen fahren.
I · Wien
Dagegen
Hans Lauda war das Oberhaupt der Familie und ihr erbittertster Gegner des Rennsports. Der Satz, der ihm am häufigsten in den Mund gelegt wird, existiert in vielen Fassungen und in keinem zeitgenössischen Zeugnis, das gefunden wurde: Ein Lauda gehöre in den Wirtschaftsteil der Zeitung, nicht in den Sportteil.2 Man nimmt ihn am besten als die Geschichte, die die Familie über ihn erzählte. Laudas eigene Worte dafür, 2010, waren schlichter: „Mein Großvater war einfach der Meinung, ein Lauda gehöre in die Wirtschaft und nicht in ein Formel-1-Auto. Rennfahren, das war für ihn keine Kategorie.“
Der Rest der Familie ist schwerer einzuordnen. Die meisten Darstellungen sagen einfach, die Laudas hätten seine Rennfahrerei abgelehnt. Die früheste gefundene, im Spiegel vom Juli 1975, sagt, die Familie habe eine Rennkarriere bei Verlust aller Erbansprüche verboten. 2010 sagte Lauda der Süddeutschen Zeitung, sein Kontakt zur Familie sei lange nur sporadisch gewesen, und er habe kein liebevolles Zuhause gehabt. Spät in seinem Leben zog er eine schärfere Linie: „Meine Eltern waren ziemlich neutral und ließen mich Rennen fahren, aber mein Großvater war absolut wahnsinnig dagegen.“ Zusammengenommen: Der Großvater war unbedingt dagegen, die Familie drohte ihm mit dem Verlust des Erbes und wollte nicht zahlen, und seine Eltern stellten sich ihm nach seiner eigenen späten Darstellung nicht in den Weg. Der Film Rush (2013) dramatisierte den Streit mit seiner Familie; nichts hier ist ihm entnommen.
Der endgültige Bruch kam im Herbst 1971, wegen einer Bank und einer Geldsumme, und er gehört ins nächste Kapitel. Die beiden Männer sprachen nie wieder miteinander. Hans Lauda starb am 21. Januar 1974 in Wien, drei Monate vor dem ersten Grand-Prix-Sieg seines Enkels, in Jarama in der Saison 1974.
I · Wien
Abschied von Wien
Mit 18 verließ er Wien und ging nach Salzburg, wo er allein lebte. Laut Spiegel wohnte er 1975 noch immer dort. Im April 1968 bestritt er in einem Mini Cooper S bei einem Bergrennen nahe Linz sein erstes Rennen, und die Geschichte vom Weg nach oben beginnt.
Er hatte bereits einen Weg gefunden, seiner Familie zu antworten. An jedem ersten Weihnachtsfeiertag wurde die ganze Familie zum Mittagessen im Hotel Imperial am Kärntner Ring erwartet, dem vornehmsten Hotel Wiens, und er ging nicht mehr hin. „Sobald ich ein bisserl selbstständig wurde, hab ich mich fürchterlich gerächt“ (zugeschrieben).
Jahrzehnte später frühstückte er, wann immer er in Wien war, jeden Morgen im Café Imperial, und das Café benannte ein Frühstück nach ihm.
Anmerkungen
Die Geschichte des Zeugnisses stammt aus Laudas Interview mit dem ZEITmagazin 2012 und aus Reden wir über Geld (2015), beide nach den Zitaten bei Daniel Michel 2019; das Original im ZEITmagazin wurde nicht eingesehen. Das Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien und das Austria-Forum nennen eine an der Maturaschule bestandene Matura. ↑
Die Fassungen unterscheiden sich in den Zeitungen, die sie nennen. In der Nacherzählung der Presse gehörte ein Lauda in den Wirtschaftsteil der Presse, nicht auf die Titelseite der Kronen Zeitung; in einem Anekdotenbuch von 2019 nicht auf die Sportseite der Kronen Zeitung; in der Familiengeschichte von 2009 in den Wirtschaftsteil statt in den Sportteil. Lauda erinnerte sich 2009, sein Großvater habe ihm 1971 gesagt, Rennfahrer werde nie ein Lauda. ↑
Quellen
Simon Arron, „Breakfast with… Niki Lauda“, Motor Sport, November 2017. motorsportmagazine.com
Heike Kossdorff, Thomas Mudri und Daniel Winkler, Niki Lauda – Alles unter einer Kappe (Styria, Wien, 2009), Leseprobe des Verlags, S. 7–19. web.archive.org
Daniel Michel, Niki Lauda – Kleine Anekdoten aus dem Leben eines großen Rennfahrers (riva, München, 2019), Leseprobe des Verlags, mit Zitaten aus dem ZEITmagazin (2012) und aus Niki Lauda und Conny Bischofberger, Reden wir über Geld (2015). m-vg.de
„Niki Lauda“ und „Hans Lauda“, Wien Geschichte Wiki, Stadt Wien. geschichtewiki.wien.gv.at
„Lauda, Nikolaus“ und „Lauda, Hans“, Austria-Forum. austria-forum.org
„Reden wir über Geld: Niki Lauda – ‚Was sind überhaupt Freunde?‘“, Interview, Süddeutsche Zeitung, 9. Juli 2010. sueddeutsche.de
„Wink von oben“, Der Spiegel 31/1975, 27. Juli 1975. spiegel.de
Richard Williams, „Niki Lauda obituary“, The Guardian, 21. Mai 2019. theguardian.com
Alan Henry, „Niki Lauda: The years of the Rat“, Motor Sport, März 2009. motorsportmagazine.com
Hedi Schneid, „Niki Lauda ist tot: Ein Leben in der Pole-Position“, Die Presse, 21. Mai 2019. diepresse.com
Andrew Clark, „Niki Lauda: ‚racing is the opposite of flying‘“, The Guardian, 6. November 2004. theguardian.com